Sonntag, 24. November 2013

Zum Glück

So mag ich mein Leben nicht weiterleben. Das Einzige, was ich noch bin, ist Mutter. Zwar eine sehr erfüllende Aufgabe, aber es gibt trotzdem mehr, was ich machen und was ich sein möchte. Außerdem bin ich sehr alleine gelassen mit den Alltagsdingen. Da kommt der Vater der Kleinen oft mal nur so zum Türrahmen rein - Türen selbst gibt's ja noch keine - und sagt Hallo aus der Ferne. Nimmt sich nicht mal die Zeit, unserer Tochter ein Bussi zu geben und sie richtig wahrzunehmen, sodass auch sie ihn wahrnehmen kann.

Apropos Wahrnehmen, ich werde ja auch nicht mehr so richtig als Frau wahrgenommen. Ach, was sag ich, als Person. Es wird gefragt: "Wie geht's dem Baby?", und das ist schon genügend Info, um auf mein Befinden rückschließen zu können, scheint's. Oder er will es ohnehin nicht wissen. Wer weiß.

Ich finde ja, wenn's um Hausarbeit geht, sollte nicht gerechnet werden, wer schon wieviel sonstwo getan und gerackert hat, sondern umgekehrt, wer wieviel Freizeit hat. Nachdem ich seit Monaten mein Schlafdefizit weiter aufbaue, mein Mann noch keine einzige Nacht wach verbracht hat und ich jeden verflixten Tag immer nur sehe, wie ich nichts auf dieser Baustelle weiterkriege, bin ich dafür, dass er auch mal eine Tasse abwäscht oder sein Bett macht. Aber nachdem er ja so schwer auf der Baustelle arbeitet, muss er sich viel mehr ausruhen und ich. Und das Arbeitsseminar war schließlich auch sehr anstrengend. Das abendliche Gemeinschaftssaufen bis fünf Uhr morgens anscheinend nicht. "Irgendwie komm ich heut nicht in die Gänge..." Da muss ich es ihm doch nachsehen, dass er stundenlang weiterschlummert, während ich mit unserem putzmunteren Mädchen um halb sieben aus dem Bett muss. Oder?

Es zehrt auch außerordentlich an mir - wie ich neulich erkannte und seither in Worte fassen kann -, dass unser Haus noch keine Seele hat. Es ist halt eine Baustelle. Dreck. Unverputzter Ziegel innen. Gähnend nackte Türrahmen. Eiseskälte, weil das Obergeschoß wegen Unbewohnbarkeit ja noch unbeheizt ist und sich die Wärme nun nach oben verzieht.

Wo kann denn meine Seele wohnen, wenn ich noch kein Zuhause habe? Ich bin so oft bei meinen Schwiegereltern, denn obwohl ich mich bei deren zugestellten und angeräumten Zimmern unwohl fühle, fühle ich mich mehr aufgehoben und zuhause als bei mir selbst zuhause.

Wenn ich nun schon mal beim Loslassen dessen bin, das mich beschäftigt: Auch wenn es nichts böse Gemeintes war, auch wenn vieles unglücklicher Zufall war - die Tatsache tut noch immer ein bisschen weh, dass meine Einladung zum Spieleabend verschmäht wurde und Letzterer bei Freunden zuhause stattfand, weil er unter der Woche beruflich unterwegs war. Macht ja nichts. Ich kann ja später mal wieder ein Leben außerhalb meines Mutterdaseins leben. Muss ja nicht zum Spielen fortgehen. Reicht ja, wenn mein Mann uns vertritt. So haben wir beide nächsten Tag etwas davon, denn er ist müde, und ich darf mich alleine um alles kümmern.

Tja, und woher eigentlich all das Unglück? Ich hätte wohl noch länger so weiter gelebt, Schokolade gegen die Leere gegessen - mich dann über die Übelkeit geärgert -, wenn ich nicht die Glücksshow mit Hirschhausen gesehen hätte. Beitrag um Beitrag ging dahin, und der Schmerz in meiner Brust wuchs immer weiter. Ein anderes Wort als Schmerz erscheint mir hier tatsächlich nicht passend. Zwischen Schlüsselbein und Bauch, heftig ziehend. Wake-up-call. Bin ich tatsächlich so unglücklich?

Raus kann ich aber nicht, will ich wahrscheinlich auch nicht. Und im Konflikt mit meinem Mann habe ich keine Stimme, kein Recht, weil er ja alles, alles, alles bezahlt - wenn's nach seiner Sicht geht -, und was anderes zählt nicht.

Noch ein halbes Jahr so leben kann ich aber auch nicht.

Dienstag, 5. November 2013

Nothing really matters

Zwei Fragen plagen mich; sie sind wohl die einschneidensten, die es geben kann. Aber es sind andererseits fast keine Fragen mehr, sondern nur so ein Gefühl wie nach einem Schlag mit einem Hammer auf den Kopf.

1) Ich bin, bin ich, ich bin eine schlechte Mutter. Ich kann nicht einmal meine Gefühle unterdrücken und nicht streiten, nur um meiner Tochter nicht den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und sie kann vor lauter Verzweiflung und Kummer, weil es ihrer Mama schlecht geht, nur schreien und nicht schlafen.

2) Ob es wohl die große Liebe ist? Ein bisschen spät für diese Fragennebelwolke... Meine Gefühle waren stark genug, dass ich gerne etwas kaputt gemacht hätte, dass ich heulen musste, dass ich mir so schief vorkam, weil irgendwie wie ein Trottel behandelt, der die Aufgabe des Chefs nicht richtig erfüllt hat. Aber jetzt frage ich mich, ob ich wirklich klären soll, was mich gestört und fertig gemacht hat. Oder ob es nicht besser ist zu akzeptieren, was ist, und meinen eigenen Weg zu gehen. Meine Tochter lieben und erziehen. Die Enttäuschung und Kränkung durch meinen Mann begraben, damit ich meiner Tochter gegenüber positiv sein kann. Und dann irgendwann auf dem massiven Block der unterdrückten ungelösten Kränkungen den Mississippi überqueren.

Sonntag, 11. August 2013

Before you do anything rash...

Manchmal vergesse ich, dass andere Menschen anders kommunizieren. Dann bin ich überrascht, wenn jemand, den ich anrufe, freundlich ist, obwohl ich doch vorher mit meinem Freund gesprochen habe und der ausgesprochen mahnend, streng, hart war. Am Telefon mit A. plaudere ich, er fragt nach dem Haus, ich frage nach dem Baby.

Und manchmal vergesse ich, dass ein Mensch nicht immer gleich drauf ist und dass ich mich nicht nach eines anderen Launen zu richten habe. Ich freue mich, wenn mein Freund höflich und nicht unterschwellig sauer ist, und dann bin ich etwas konsterniert: Sollte ich nicht etwas gefestigter sein?

Dann wieder vergesse ich manchmal, dass ich anderen Freunden gegenüber warme, freundschaftliche Gefühle habe. Freund S. wird angeklingelt zwecks Auskünften. Er klingt anders, irgendwie. Nach dem Auflegen kommt es mir: Ich schien ihn aufgeweckt zu haben, aus einem Nachmittagsschlaf oder was auch immer. Und da durchströmt mich Wärme. Ich hab ja auch noch Freunde!

Samstag, 29. Dezember 2012

Kundenservicemoral

Ich muss jetzt mal ein paar Unternehmen an den Pranger stellen. Was nämlich gar nicht geht, ist, Kunden einerseits das Geld aus der Tasche ziehen zu wollen und sie andererseits komplett zu ignorieren.

Ich habe hin und wieder Anregungen oder Anfragen geschickt, und diese Unternehmen haben mir nie geantwortet. Nachdem nun bereits mehrere Monate vergangen sind, möchte ich den potentiell großen Anfragenberg nicht mehr als Ausrede gelten lassen.

1) Tchibo.
Da kostet ein Kaffee mittlerweile genauso viel wie im Kaffeehaus - als ich ein Kind war, hat meine Mutter öfter mal einen Eduscho-Kaffee getrunken, weil er im Stehcafé dort deutlich günstiger war -, aber wehe, man möchte einen, der ein kleines bisschen vom Mainstream abweicht, zum Beispiel in Gestalt einer Sojamilchbeigabe. Meine Mailanfrage zu diesem Thema wurde schlicht nie mit einer Antwort bedacht. Hmm, ob ich wohl deshalb dort nichts mehr kaufe?

2)
Brigitte.
Ja, ich weiß, streng genommen zahl ich für die Homepage nichts. Aber sie haben ja wieder Werbeeinnahmen ... Als es dort vor ein paar Monaten einmal ein Sprachquiz gab, erdreistete ich mich und schrieb, dass eine der Fragen bzw der Antworten fehlerhaft und somit das Quiz nicht richtig lösbar sei. Nachdem ich eine nachweisbare Qualifikation in der Richtung habe, fand ich es nicht anmaßend, so etwas zu sagen. Wurde das Quiz geändert? Natürlich nicht! Bekam ich gar eine Antwort? Natürlich schon gar nicht!

3)
Die Bahn.
Das leidliche Thema. In aller Fairness muss ich sagen, dass ich zwar eine Antwort bekam, als ich einmal eine Beschwerde hatte. Jedoch war sie so formelhaft formuliert, dass ich den Eindruck hatte, man wollte nur die Antwortquote erfüllen, inhaltlich war alles egal. Oder auch nicht: Hauptsache, man weist alle Schuld auf ein anderes Teilunternehmen - und bittet um Verständnis und hofft dann darauf, mich wieder als Fahrgast begrüßen zu dürfen. Man fühlt sich verarscht.

Mittwoch, 14. November 2012

well, well

Zwei Einsichten haben sich mir im Laufe des Tages aufgedrängt.

1) Das Leben ist grundsätzlich einmal nicht einfach. Oder in den Worten meines Vaters: Wart ned, dassdi gfreit.

2) Ja, mir ist Schlimmes passiert, als ich ein Kind war, und ja, in meinem Leben ist auch sonst viel Schlimmes passiert. Aber wenn ich nicht Verantwortung für mich übernehme und mein Leben in die Hand, wer dann? Und wenn nicht jetzt, wann dann?

Ab jetzt schwinge ich keine Reden, sondern tue.

Dienstag, 13. November 2012

Cry for help

Ich wollte immer diejenige sein, die keine Probleme verursacht. Und siehe da, wohin hat es mich geführt?

Ich ersticke in einem Dunghaufen an Problemen. Und es sind nicht einmal so nichtige Sachen wie (früher) die Bin-ich-zu-dick-Frage - wie lächerlich!! Nicht Ist-das-wirklich-der-Mann-fürs-Leben. Nicht Werde-ich-jemals-den-Schatten-des-schwarzen-Mannes-los. (Obwohl der Mann mich wahrscheinlich so nachhaltig geschädigt hat, dass vieles heutzutage ohne ihn nicht wäre. Und ich bin trotzdem auf ewig mit ihm verwandt.) Ich bin in meiner Existenz bedroht und habe keinen Dunst, ob mein Leben besser wird, bevor ich hundert werde. Zu was für einer Mutter kommt mein Baby nur! Die kann nur lieben, aber sonst nichts.

Freitag, 5. Oktober 2012

Aus heiterem Himmel

Lovely, lovely, just lovely.

Er: Jetzt könnten wir den Küchenplan brauchen. Wenn du den nicht wieder irgendwo verwurschtelt hast.
Ich: Der ist in der Kiste mit den anderen Plänen. Da hab ich ihn zurückgelegt. Was heißt überhaupt "verwurschtelt"? Das klingt so feindselig.
Er: Man muss nicht überall etwas hineinlesen.
Ich: Aber einmal sagst du ...
Er: Jetzt!!! Ronja!!!!!!

Scheiß männliche Mitteilungssperre! Scheiß herablassende Killerargumente, die meine Position negieren. Scheißtyp manchmal!!!!!!!!!!!!!!!!

Montag, 24. September 2012

Catch a Falling Star

Zum ersten Mal in meinem Leben sage ich Danke zu zwei Betrunkenen. Gut, vielleicht waren sie schon ein bisschen ausgenüchtert und nur noch stark Beschwipste. Ammer! (="aber immerhin" für Schnelldenker-und-dabei-alles-Verquirkser) Und ich meine das Danke nicht sarkastisch.

Der noch nie dagewesene Fall ist eingetreten, dass ich in einem Zug voller Wiesn-Patienten nach Hause fahren musste und dass es kein Höllentrip war. Ich nahm den ersten freien Platz - man muss sich gut aussuchen, wann man heikel sein kann -, und prompt kam ein junger Mann, der sich beschwerte, ich säße auf seinem Platz. Oktoberfestophobe, die ich bin, und immer auf der Hut vor schmierigen Anmachen und schleimigen Typen, habe ich sämtliche meiner Sensoren anspringen gefühlt. Aber aus irgendeinem Grund reagierte ich scherzend: "Tut mir leid. War da ein Namensschild dran?" Und nach ein paar Sätzen begriff ich, dass der da kein enthemmter Fiesling war. Nüchtern war er nicht, was mich wahrscheinlich dazu verleitete, ihn nicht ganz ernst zu nehmen. Mit der Zeit jedoch merkte ich, dass er nicht so weggetreten war, wie ich es sonst von Leuten unter Alkoholeinfluss annehme. Aus meinem defensiven Anfang wurde ein, nun ja, doch irgendwie ein Gespräch. Kein ernstes natürlich. Aber ich hab sie nicht als Alkostereotypen abgetan, und sie haben mich nett behandelt. (Dabei spielte es nur eine kleine Rolle, dass der eine meinte, ich wäre wohl so in etwa 23. Kam ja auch erst spät.)

Ich kann den Eindruck nicht abschütteln, dass mein letztes Buch etwas damit zu tun hat, wie ich mich heute Abend gefühlt, empfunden, erlebt habe. (Erst im Kreis meiner Mitsänger, dann auf der Heimfahrt.) Es hat so viel hochgebracht. Und wenn es auch um die Zeit an einem Internat an der Ostküste, also um die Highschool ging, so hat mich doch so vieles daran an meine College-Zeit in den USA erinnert. Könnte an den Erfahrungen mit Studentenheim und Mensa zu tun haben. Die Art und Weise, wie der Roman meine Erinnerungen für eine gewisse Zeit zur Gegenwart gemacht hat, hat wenig mit bewusstem Erinnern zu tun. Es ist fast so, als ob das Leben in dieser Stadt, an dieser Uni, auf diesem Campus und mit diesen Leuten wieder meine Welt wäre, in der und durch die ich mich bewege, meine Gegenwart, mein Wahrnehmungsfilter. Damit verbunden ist auch das Ich, das ich war, neben und in meinem gegenwärtigen Ich vorhanden. Nachdem ich mich in vielem so sehr wiedergefunden habe, was die Heldin erlebt und denkt, hab ich mich ein bisschen selbst noch einmal erlebt. Und interessanterweise scheint das einen kleinen Therapieeffekt gehabt zu haben. Denn am Abend hatte ich plötzlich das Gefühl, dass etwas anders war. Etwas war weg: Die Unsicherheit.

Was Curtis Sittenfeld zu vollbringen mag, versetzt mich in erfürchtiges Staunen. Prep. Ich kann es kaum erwarten, bis American Wife in meinem Postfach liegt. So will ich auch einmal schreiben können.

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